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5 August 2021  //       //  Opinion

Wie geht es dir? Nein, ernsthaft, wie geht es dir? – Führungskräfte dürfen die Bedeutung der mentalen Gesundheit Ihrer Mitarbeiter nicht unterschätzen

Wenn uns die Pandemie eines gelehrt hat, dann, dass es besonders wichtig ist, Kollegen und Mitarbeiter regelmäßig zu fragen, wie es ihnen geht. Und zwar nicht nur als Floskel – wie sie besonders im angelsächsischen Sprachraum fast ausschließlich gebraucht wird, sondern mit aufrichtigem Interesse am Gegenüber. Unsere Londoner Kollegin, Jill Coomber, erklärt worauf Führungskräfte achten müssen, damit ihre Mitarbeiter mental gesund bleiben.

Im Sinne der Offenheit möchte ich diesen Beitrag auch so persönlich wie möglich gestalten. Ich habe über 25 Jahre professionelle Erfahrung im Bereich mentale Gesundheit, die ich mit der University of Working Life und zahlreichen Fortbildungen weiter ausbauen konnte. Mit 27 Jahren wurde ich Mitgründerin einer Kommunikationsagentur. In jeder Agentur steht das Gesamt-Team und jedes einzelne Team-Mitglied im Mittelpunkt des Denkens des Führungsteams. Deswegen habe ich viel Zeit damit verbracht, zu verstehen, was Menschen im Arbeitsumfeld Freude bereitet und wo die Herausforderungen liegen können.

Was habe ich dabei gelernt und beobachtet? Nun, eine zentrale Erkenntnis war, dass man zwar denkt, man hört dem Gegenüber zu, es aber eigentlich nicht tut. Es ist nicht einfach, bei all den Ablenkungen fokussiert zu bleiben. Und schafft man es, ist noch lange nicht garantiert, dass wir angemessen reagieren. Mal reagiert man zu schnell, ein anderes Mal einfach falsch. Oder man zieht vorschnell die falschen Schlüsse. Alles in allem ist großes Fingerspitzengefühl gefragt. Hat man es entwickelt, wird man mehr als nur belohnt.

Was mich immer wieder begeistert ist zu sehen, wie glücklich Menschen sein können, wenn sie respektiert und  unterstützt werden. Ich durfte die Leidenschaft und Loyalität von Teammitgliedern erfahren, denen wir in schweren Situationen geholfen haben. Und ich habe mit Freude gesehen, wie Menschen über sich hinauswachsen, sobald sie schwierige Phasen in ihrem Leben durchgestanden haben. 

Ein Bewusstsein für psychische Gesundheit steigert die Produktivität

Wir alle stehen irgendwann im Leben vor psychischen Herausforderungen. Laut der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie haben jedes Jahr etwa 27,8 Prozent der Deutschen eine psychische Herausforderung zu meistern. Zu den häufigsten Erkrankungen zählen dabei Angststörungen und Depressionen. Es ist gut möglich, dass Sie, wenn Sie es nicht schon hinter sich haben, irgendwann auch vor einer solchen Herausforderung stehen werden. Niemand scheint davor gefeit zu sein. Deshalb ist es wichtig, sich mit dem Thema zu befassen und sich und sein Umfeld aufmerksam zu beobachten.

Ein Teil der Lösung kann auch sein, mentale Vielfalt am Arbeitsplatz proaktiv zu fördern und sie so in den Köpfen der Menschen zu manifestieren. Unternehmen wie SAP, HPE, Microsoft und EY gehen hier mit gutem Beispiel voran. SAP beispielsweise zeigt, dass nach Umsetzen von Programmen zur mentalen Gesundheit die Qualität der Arbeit und Innovationen ebenso gesteigert werden konnten wie die Produktivität und das Engagement der Mitarbeiter. Eine weitere wichtige Erkenntnis für das mentale Wohlbefinden am Arbeitsplatz liefert ein Bericht aus der Harvard Business Review (Mai/Juni 2017): Führungskräfte werden durch Mental-Wellness-Projekte sensibilisiert und beginnen, sich mehr Gedanken um ihre Mitarbeiter zu machen: Eine zentrale Frage hierbei ist, wie einzelne Talente entsprechend eingesetzt und gefördert werden können. Grundsätzlich kann man davon ausgehen, dass, wenn es gelingt, psychische Gesundheit zu enttabuisieren, das für das jeweilige Unternehmen ein sehr großes Potenzial birgt.

Gerade in einer hoch vernetzten Arbeitswelt sehen sich Arbeitnehmer zunehmend arbeitsbedingtem Stress ausgesetzt – Menschen empfinden manchmal großen Druck bei der und durch die Arbeit. Das kann die psychische Gesundheit sehr belasten. Den Druck zu vermeiden, wird nur in den seltensten Fällen nachhaltig gelingen. Daher gilt es, die richtigen Methoden zu entwickeln, mit eben diesem Druck umgehen zu können. Zu tun, was einem Freude bereitet und auch entsprechend den Raum und die Zeit dafür zu haben, kann wahre Wunder bewirken. Führungskräfte können hierbei eine wichtige Rolle spielen, indem sie ihren Mitarbeitern dabei helfen, „Glücksinseln“ auszubilden. Als Teil eines Unternehmens, das diesen Ansatz versteht und unterstützt, kann ich die positiven Auswirkungen täglich erleben.

Was man als Führungskraft auf verstehen sollte ist, dass wahres mentales Wohlbefinden in Unternehmen nur dann entsteht, wenn es von der obersten Führungsebene vorgelebt wird: Dazu muss sich auch das Führungsteam selbst offen und verletzlich zeigen können.

Ebenfalls wichtig für die psychische Gesundheit ist ein funktionierendes soziales Umfeld. Familie, Freunde, Kollegen und Mentoren sind der Rückhalt, auf den jeder von uns bauen können sollte. Diese Basis aus Menschen zu finden, auf die man sich wirklich verlassen kann, kann im Fall der Fälle wie eine Rettungsleine wirken. Und das erstaunliche dabei: oftmals sind die Menschen, die einen in herausfordernden Situationen auffangen gar nicht diejenigen, die man erwartet hätte.

Zwischenmenschlichkeit als Grundstein für erfolgreiche Arbeit

Auch wenn unternehmensweite Kampagnen, Richtlinien, Schulungen und Benchmarking anhand von KPIs wichtig sind, so hängt der tatsächliche Erfolg von Maßnahmen zur psychischen Gesundheit am Arbeitsplatz doch von einem anderen Faktor ab: von den zwischenmenschlichen Beziehungen der Mitarbeiter vor Ort. 

Ein gutes Umfeld für mentale Gesundheit im Unternehmen kann nur dann entstehen, wenn es von der obersten Führungsebene geschaffen und entsprechend vorbildhaft umgesetzt wird. Zentral dabei: um erfolgreich zu sein, muss sich das Führungsteam auch selbst offen und verletzlich zeigen. Es muss die Kultur exemplarisch vorleben, so dass auch im Team das Vertrauen entsteht, sich öffnen zu können. Das Paradoxe an der Sache ist dabei, dass viele Teammitglieder an guten Tagen von starken, positiven, entschlossenen und erfolgreichen Führungskräften geführt werden wollen. Die Herausforderung für Führungskräfte ist es, beides zu erfüllen: Schwächen zuzulassen und dabei weiterhin kraftvoll und belastbar voranzugehen. Die Tatsache, dass in einer Umfrage nur 21 Prozent der Arbeitnehmer angeben, psychische Beschwerden vor dem Vorgesetzten darzulegen (Human Ressources Manager, 2019), deutet darauf hin, dass wir hier noch einen weiten Weg vor uns haben.

Was können Sie also tun, wenn Sie Ihre Mitarbeiter unterstützen möchten? Stellen Sie die Frage "Wie geht es Ihnen?" ganz bewusst – und hören Sie dann auch wirklich aufmerksam zu. Wir sitzen schließlich alle im selben Boot – nicht nur in Pandemie-Zeiten.

Key Takeaways 

  1. Fragen Sie bewusst nach dem Wohlbefinden Ihrer Mitarbeiter
  2. Wir alle sehen uns psychischen Herausforderungen ausgesetzt. Es ist gut möglich, dass Sie, wenn Sie es nicht schon hinter sich haben, irgendwann auch vor einer solchen Herausforderung stehen werden. Selbstaufklärung und -reflexion sind dabei der Schlüssel.
  3. Teil der Lösung kann sein, mentale Vielfalt am Arbeitsplatz zu fördern
  4. Menschen empfinden manchmal großen Druck bei der Arbeit. Das kann die psychische Gesundheit noch zusätzlich belasten. Da man den Druck oft nicht vermeiden kann, ist es essenziell Methoden zu entwickeln, mit dem Druck umgehen zu können.
  5. Ein funktionierendes soziales Umfeld ist der Schlüssel für mentale Stärke
  6. Wirkliche mentale Gesundheit in jedem Unternehmen stellt sich erst dann ein, wenn die oberste Führungsebene die eingeführten Programme auch "vorlebt".

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