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10 December 2021  //       //  Opinion

Gamification: Was Spaß und spielerische Elemente bewirken können – ein Fallbeispiel

Was Gamification ist, woher es kam, warum es solche Faszination auslöst und wie man Gamification im Arbeitsalltag einsetzen kann, haben wir bereits in früheren Blogposts unserer Gamification-Serie erklärt. Nun wollen wir zeigen, wie Unternehmen diese bereits umsetzen. Als Beispiel dient ein deutscher Flughafenbetrieb, der für sein Gesundheitsmanagement auch ausgezeichnet wurde.

Im betrieblichen Gesundheitsmanagement geht es unter anderem darum, teilweise körperlich schwer arbeitenden Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen Sportangebote nahe zu bringen, damit diese weniger krankheitsbedingte Ausfallzeiten haben. Dies birgt Vorteile für Mitarbeitende sowie für das Unternehmen. Die krankheitsbedingten Ausfallzeiten in der Abfertigung eines Flugzeugs am Flughafen Hamburg lagen in der Belegschaft der Bodenverkehrsdienste (Betankung, Gepäckabfertigung, Reinigung und Transport) teilweise bei fast 50 Prozent. Dies verursachte pro Jahr siebenstellige Zusatzkosten und sorgte auch für Verspätungen im Flugverkehr.

Die Mitarbeiter:innen klagten seit Langem über nicht erfolgte Investitionen in deren Arbeitsbereiche, was Ruhe- und Pausenräume oder sanitäre Anlagen betraf und waren zunehmend frustriert. Angebote, wie sich beim betriebsärztlichen Dienst untersuchen zu lassen, wurden abgelehnt oder gesundheitliche Probleme aus Angst vor einer möglichen Kündigung gar nicht erst offen kommuniziert. Guter Rat war also teuer. Bisherige Angebote der Personalabteilung zur Steigerung der persönlichen Gesundheit, die über die üblichen Aushänge, Newsletter oder sonstige Kommunikationswege vermittelt wurden, blieben ohne Echo. Der Grund war einfach. Die Angebote waren da, nur waren sie über die Köpfe der Mitarbeiter hinweg entwickelt und wenig kreativ kommuniziert worden. Inhalte waren zu starr, zu komplex und nicht ansprechend konzipiert. Es hakte einmal mehr am „Wie sage ich’s“ als am „Was sage ich“.

Mitarbeitende einer Beratungsfirma für betriebliches Gesundheitsmanagement wurden in die jeweiligen Arbeitsbereiche am Flughafen integriert, um in Erfahrung zu bringen, was die Belegschaft wirklich motiviert und was man anbieten kann, damit die Gesundheitsangebote des Arbeitsplatzes genutzt werden. Auffällig waren mangelnde Investitionen und fehlende Wertschätzung sowie unattraktive Gesundheitsangebote. Wie zu erwarten, waren die am häufigsten genannten Punkte Bezahlung und mangelhafte Arbeitsbedingungen. Das Unternehmen willigte ein, die Arbeitssituation zu verbessern und jedem Mitarbeitenden ein weiteres Monatsgehalt pro Jahr in Aussicht zu stellen. Spürbare Verbesserungen sollten zum Beispiel in Form von Reduktion krankheitsbedingter Ausfallzeiten erzielt werden.

Ein Boxring am Flughafen

Sport hat viele Facetten und ist auch mit Spiel, Spaß und Emotionen verbunden. Einfach nur Rückenübungen in Arbeitspausen zu machen oder Mitarbeitende in einen verpflichtenden Workshop zu setzen, hatte in der Vergangenheit schon nicht funktioniert. In Gesprächen wurde klar, dass viele Mitarbeitende Interesse am Boxen zeigten. Auf dem Weg zur Kantine kamen die Mitarbeiter:innen immer durch einen fast leeren und wenig genutzten Flugzeughangar. Das Unternehmen konzipierte einen neuen Anreiz: Am Eingang zur Durchgangshalle wurde eine Lichtschranke installiert bei deren Durchschreiten ein Video abgespielt wurde. Gleichzeitig gingen Spotlights sowie Nebelmaschinen an und ein Boxring wurde sichtbar. Die Musik aus dem Rocky-Filmen erschallte und im Video wandte sich Box-Weltmeister Arthur Abraham an die Belegschaft und lud zu einem persönlichen Training am Flughafen ein.

Die Teilnahmequote lag bei 97 Prozent – selbst nach sechs Monaten waren es noch 81 Prozent. In den Pause-Räumen wurden Boxautomaten aufgestellt, die bestimmte Schlagkombinationen vorgaben. Mitarbeiter:innen konnten Punkte erreichen, die in Ranglisten abgebildet wurden. Jede Woche wurde ein Champion gekürt, der einen Tag Urlaub extra gewann. Gewann jemand zu oft, konnte er anderen Urlaubstage schenken. Selbst der Vorstand des Unternehmens nahm an allen Gesundheitsaktivitäten teil, was die Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen besonders motivierte auch mal die Chefetage zu schlagen und gegen sie im Ring zu stehen.

Punkte sammeln für Boni

Analog zur Lufthansa Miles & More Karte erhielt jeder Mitarbeiter und jede Mitarbeiterin eine Karte, auf der er eine Punktzahl von 100 vorfand. Wer am Ende eines Jahres 95 oder mehr Punkte hatte, erhielt ein 13. Monatsgehalt. Mitarbeiter:innen verloren Punkte, wenn sie zu spät oder nicht zu Sportangeboten oder anderen Maßnahmen im Gesundheitsmanagement erschienen. Die Auswahl aus über 25 verschiedenen Angeboten war entsprechend vielfältig – von Laufen über Yoga, Boxen, Tanzen bis hin zu Ernährungsberatung. Dabei wurden Ziele der Angestellten immer individuell mit dem Leitungsteam und dem betriebsärztlichen Dienst vereinbart (beispielsweise innerhalb eines Jahres fünf Prozent Körpergewicht reduzieren, Muskulatur aufbauen, etc.).

Mitarbeiter:innen, die eine konstant hohe Punktzahl hielten, erhielten weitere Anreize wie etwa einen Sportwagen einer Autovermietung für ein Wochenende, Rundflug in einem Oldtimer-Flugzeug mit Familie, Hotelgutscheine, Shopping-Voucher für die Flughafen-Shops, einen Massage- oder Friseurbesuch – eben alles was ein Flughafen so hergibt. Mitarbeitenden wurden gesunde Überraschungs-Snack-Boxen in Ihre Pausenräume gebracht oder ein komplettes gesundes Mittagessen spendiert.

Mit diesen kleinen, immer wiederkehrenden Aktionen wurde die Bereitschaft zur Teilnahme an Workshops gefördert. Die Workshops wurden in kleine halbstündige Sequenzen aufgeteilt und waren mit Quiz-Fragen in einer eigens entwickelten App angereichert. Sie enthielt viele spielerische Elemente womit gerade Gelerntes leichter verankert werden konnte. Dabei wurden nicht nur Fragen zur Gesundheit oder Ernährung gestellt, sondern wie bei Trivial Pursuit auch aus den Bereichen Politik, Gesellschaft, Geschichte, Kunst, Sport und Kultur. Damit die App auch in der Freizeit genutzt wurde, waren Ratgeber und Tutorial-Videos für Bewegungsspiele mit den Kindern in der App enthalten.

Individuelle Angebote für verschiedene Abteilungen

Für Bürokräfte gab es bewegte Mittagspausen und Anleitungen mit Übungen dazu. Es wurden regelmäßig Videos zu Rücken-Massagen und Spielen wie Papierkorb-Basketball in der App hochgeladen, die gegenseitig bewertet werden konnten. Das Unternehmen stellte Betriebsfahrräder oder Roller zur Verfügung, um die langen Wege auf dem Flughafen bequemer zurücklegen zu können. Ein Fahrradführerschein, wie man ihn aus der Schule noch kennt, mit Geschicklichkeitsübungen musste absolviert werden, um in den Genuss eines Rades oder Rollers zu kommen.

In anderen Abteilungen war dies beispielsweise ein Gabelstapler-Geschicklichkeits-Parcours, den wiederum die Bürokräfte so cool fanden, dass sie ihn auch einmal ausprobieren wollten. So wurde die Arbeitsleistung anderer Abteilungen stärker wertgeschätzt und die Kommunikation wurde stark verbessert. Informelle Beziehungen am Arbeitsplatz wurden abteilungsübergreifend besser und es entstand langsam ein Zusammengehörigkeitsgefühl. Die echte Herausforderung war die damit verbundene kreativere Kommunikation, um die Kolleg:innen überhaupt zur Teilnahme zu bewegen. Ohne die Implementierung spielerischer Elemente hätte dieses Projekt keinen Erfolg gehabt.

Hier wurden aus dem Bereich Gamification Ranglisten und die Implementierung von spielerischen Elementen sowie ein Anreizsystem kombiniert. Die Investition hat sich ausgezahlt: Die Maßnahme wurde ein nachhaltiger Erfolg, der sich letztlich in stark reduziertem Krankheitsstand in der Belegschaft und deutlich reduzierten Ausfallkosten ausdrückte.

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